Waltraud (Forts.)

Ilse Reuscher, "Tante Tata", Waltrauds Laborchefin

Da Waltraud von Kind auf intelligenter als manch anderer war, häuften sich ebenso schnell, wie sie im Lernen vorwärts kam, mancherlei Fragen in ihr auf, die aber nicht sogleich, wie sie aufkamen, gefragt werden durften. Denn das konnte sofortigen „Wiederrausschmiss“ bedeuten. Und so war es oftmals ein „Wie auf rohen Eiern tanzen!“

Andererseits bekam Waltraud bei den Blut- und Urinuntersuchungen unter dem Mikroskop oft kleine Wunderwerke zu sehen. So traf es sich eines Tages, dass Waltraud den Urin eines jungen Mannes mit Nierenkoliken zu untersuchen hatte. Im Sediment unter dem Mikroskop sah sie das erste Mal in ihrem Leben menschlichen Samen, erkannte ihn aber nicht, da sie nicht wusste, dass es so etwas gibt. Sie konnte das Gesehene nirgendwo zuordnen. Daher dachte sie, sie hätte die Ursache der Koliken entdeckt. Aufgeregt rief sie die Laborchefin und sagte ihr, dass kleine Tierchen lebhaft im Sediment herumschwämmen, ob dies nicht eventuell der Auslöser für die Nierenschmerzen sei. Ilse Reuscher setzte sich nun selber ans Mikroskop und schaute lange Zeit hinein. Schließlich blickte sie auf und sagte: „Da ist nichts!“ – Diese Feststellung brachte Waltraud beinahe aus der Fassung. Wieso konnte ihre Chefin diese „zappelnden Tierchen“ nicht sehen?

Zufällig kam gerade jetzt Dr. Hopp ins Labor, sofort bat Waltraud ihn, in das Mikroskop zu schauen. Nachdem er eine Weile in die Okulare gestarrt hatte, seufzte er vor sich hin und sagte ebenfalls: „Da ist nichts!“ – Diese Aussage erschütterte Waltraud noch mehr, denn jetzt stand sie auch noch als Märchenerzählerin da. Vom ersten Tage an hatte sie doch gelernt, dass es im Labor auf 100%ige Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit ankam.

Fast erschüttert über die Aussagen ihrer beiden Chefs, legte Waltraud nun zwei verschiedene Färbungen des Urinsedimentes an, um so nachzuweisen, dass es sich hierbei doch um kleine Lebewesen handle. Aber niemand interessierte sich für diese Färbungen, so dass dieses Thema für Jahre in der Luft hängen blieb.

Erst 1998, als Waltraud 37 Jahre alt war und am Abendgymnasium ihr Abitur nachholte, damit sie das Universitätsstudium für Krankenschwestern absolvieren konnte, fand sie in unzensierten Lehrbüchern heraus, was ihr in all den Jahren vorenthalten worden war.

Nachtrag von 2002 / Zurück

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